Juli 27, 2015

Wie wichtig ist die Pressemitteilung heute noch?

Wie wichtig ist die Pressemitteilung heute noch

Über die letzten Wochen habe ich viel über die Bedeutung der Pressemitteilung nachgedacht. Hat sie im Laufe der letzten Jahre an Bedeutung verloren, weil schon ein einziger Post auf Facebook ein Erdbeben auslösen kann? Oder ist sie nach wie vor konkurrenzlos, wenn wir gleichzeitig möglichst viele Journalisten erreichen und somit mit unserer Botschaft in den klassischen Massenmedien vertreten sein möchten? Zuletzt habe ich mich mit einem Bekannten, der ebenfalls in der PR tätig ist, dazu ausgetauscht. Da er einen etwas konservativeren Stil als ich fährt, fand ich seine Ansichten besonders spannend und durchaus einleuchtender, als ich es zu Beginn unseres Gesprächs vermutet hätte.

Ich möchte es nicht bei dieser Diskussion hinter verschlossenen Türen belassen, daher habe ich einige von mir sehr geschätzte Kollegen, wie sie es mit der Pressemitteilung in der Praxis halten und ob sie noch eine Zukunft für sie sehen.

[selectivetweet]Wie wichtig ist die Pressemitteilung noch? Experten aus #PR und #Unternehmenskommunikation diskutieren.[/selectivetweet]

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Andreas Winiarski,
Managing Partner RCKT. Communications

Pressemitteilung? Liebe ich! Meine erste Pressemitteilung verschickte ich 1996 für eine politische Jugendorganisation – per Fax und meist am Sonntag, um sicher im Teletext der regionalen ARD-Anstalt zu landen. Weder Fax noch Teletext gibt es heute – die Presseinfo jedoch erfreut sich bester Gesundheit. Und das auch aus gutem Grund: Keine andere Darstellungsform lässt Kommunikationsleute so gesteuert kleine und große raum-zeitliche Distanzen überwinden. In Krisen- und Sturmzeiten ist sie einfach die fairste Mitteilungsform gegenüber vielen gleichzeitig schreibenden Journalisten. Sie lässt auch eine andere Tiefe zu als ein Social-Media-Snippet und hat vor allem eine ganz andere offiziöse Wirkung. Natürlich sind Pressemitteilungen kein Allheilmittel und 8 von 10 sind völlig unsinnig und/oder schlecht gemacht. Und freilich rücken auch Blogposts und andere Formate weiter vor. Aber vollständig ersetzen kann sie keiner. Darum: Rock on, liebe Pressemitteilung!

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Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach,
Managing Director Germany cohn&wolfe

Ob wir Pressemitteilungen brauchen, ist die gleiche Frage wie die, ob wir eine Facebook-Seite oder einen Twitter-Account brauchen. Eine Pressemitteilung ist ein Tool, keine Strategie, noch nicht mal wirklich eine Taktik. Es gibt bei uns Kundinnen, für die wir unsere Ziele mit dem Instrument Pressemitteilung erreichen. Und welche, für die wir überhaupt keine schreiben oder verbreiten. Das hängt eben – ok, Binsenweisheit – davon ab, was wir erreichen wollen. Beispielsweise führen in vielen Fachmedien (vor allem also im Bereich der B2B-Kommunikation) Pressemitteilungen am zuverlässigsten zu den gewünschten Veröffentlichungen. Ich denke, heute ist die Pressemitteilung eine Form, in die Inhalte, die wir kanalagnostisch entwickeln, gegossen werden. Ein moderner PR-Prozess wird nie von der Pressemitteilung ausgehen – aber sie auch nie ausschließen. Wobei das Telefon in der Praxis noch wichtiger ist als der Text. Wirklich.

Lukas_Jaworski

Lukas Jaworski,
Director Communications HitFox Group

Mit der Pressemitteilung ist es wie mit der Mail. Viele wollen sie sterben sehen und regelmäßig werden ihre Erben gefeiert. In der Tat steht kein anderes Kommunikationstool in mehr Wettbewerb als die Pressemitteilung. Journalisten erhalten mehrere 1000 Mails am Tag. Dazwischen aufzufallen ist schwer. Es kommt auf den Betreff an, auf die ersten drei Sätze und das Messaging. Man kann auch einen Schritt tiefer gehen und nicht nur den Text analysieren, sondern die Journalisten clustern, verfolgen, wer die Pressemitteilung gelesen, wer auf die Presseseite weiter geklickt hat. Ähnlich wie bei Performance Marketing kann man retargeten und die richtige Frequenz ermitteln. So wird auch die Pressemitteilung dialogischer und schneller, hat mehr als 140 Zeichen und behält ihren Glaubwürdigkeitsvorteil.

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Svenja Ziegert,
Senior PR & Communications Manager Outfittery

Oldies, but goodies. Die Pressemitteilung ist immer noch die Grundlage der proaktiven Pressearbeit, insbesondere für ein junges Unternehmen. Warum? Sie bietet die Möglichkeit, die Presse gezielt mit relevanten Informationen auf sich aufmerksam zu machen, ist eine erste Aufforderung zum weiteren Dialog: Schau her, wir haben News, wollen wir darüber sprechen? Diese gezielte Ansprache ist allein über Social Media viel schwerer, weil die meisten eher Kanäle zur Kundenakquise sind. Und nicht jede Company bereits die Reichweite eines Amazons hat, wo Produktlaunches via Tweet quasi erwartet werden.

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Markus Mayr,
Geschäftsführer Mayr PR

Eine gute Story findet ihren Weg. Über soziale Medien, Aktionen auf der Straße, Pressekonferenzen, Keynotes, Exklusiv-Berichte bei anderen Medien. Aber sicher nicht per Massenversand. Dafür ist der Spam-Blocker im Mail-Postfach a.k.a. Aufmerksamkeitsspanne viel zu gering. Wozu dann dennoch eine Pressemeldung? Roboter-Journalisten brauchen sie als Vorlage, börsennotierte Unternehmen als Nachweis für Quartalszahlen und Rückrufaktionen. Und wir PRler brauchen sie, um zu wissen, dass wir wirklich die richtige Story erzählen. Ein Hoch also auf die Pressemeldung. Nur verschicken sollten wir sie nicht mehr.

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Jens Nordlohne,
Geschäftsführer Victric Causa

Als Journalist habe ich die Pressemitteilung gehasst, als Pressesprecher fand ich sie klasse, als Kommunikationsberater rate ich meist davon ab. Dennoch: Sie hat (noch) ihre Berechtigung und ihre Wirkung. Allerdings nur unter engen Voraussetzungen:

  • Sie stammt von einem Absender, der tatsächlich öffentlichkeitsrelevant ist (nein, kleines Startup, da gehörst du leider in der Regel nicht dazu)
  • Die News interessiert einen höchst spezialisierten Empfängerkreis (okay, Startup, das könnte funktionieren)
  • Es handelt sich um eine Personalmeldung (richtig aufbereitet inkl. Foto, wird die in den fachspezifischen Medien fast immer veröffentlicht) Und nein: Ich kenne keinen ernstzunehmenden Journalisten, der sich seine Informationen aus Pressemitteilungen herausfiltert, die auf frei zugänglichen PR-Plattformen veröffentlicht werden.

Klaus EckKlaus Eck,
Managing Partner Eck Consulting Group

Niemand braucht noch eine Pressemitteilung. Immer seltener funktioniert das Versenden einer Unternehmensbotschaft, weil die Redaktionen gar nicht in der Lage sind, diese zu berücksichtigen. Wir benötigen Anreize, die öffentlichkeitswirksamer sind als PMs. Mitte Juli hat ein Youtuber gezeigt, wie moderne Öffentlichkeitsarbeit aussehen kann: Casey Neistat hat über seinen Youtube-Kanal und Social Media sein Livestreaming-Angebot Beme bekanntgemacht: Gutes Content-Marketing ist oft viel erfolgreicher, erfordert aber einen strategischen Kommunikationsansatz.

Carsten NilliesCarsten Nillies,
Managing Director klenk & hoursch

Die Rolle der Pressemitteilung, wie immer gibt es zwei Seiten der Medaille: Mittel- bis langfristig ist eine standardisierte Pressemitteilung sicher nicht mehr das Format, mit dem wir in der Kommunikation Themen setzen, Botschaften vermitteln oder auch komplexe Aspekte erklären. Schon jetzt wird sie oft neue Formate abgelöst: Blogs, (Echtzeit-)Videos, Tweets, Facebook-/Instagram-Postings sowie Infografiken sind nur einige Beispiele, wie Unternehmen und Marken ihre Themen an die Öffentlichkeit bringen. Aber: Aus einigen Bereichen der Unternehmenskommunikation ist die Pressemitteilung so schnell nicht wegzudenken. Unternehmensnews wie zum Beispiel Quartalszahlen werden sicher noch einige Jahre als klassische Pressemitteilung kommuniziert werden.

Wigan SalazarWigan Salazar,
CEO MSL Germany

Die Pressemitteilung ist nicht durch Social Media obsolet geworden: sie war es schon vorher. Zumindest in der Form des gedankenlosen Streuens interessanter Informationen, die besser als Exklusiv-Stories platziert wären. OK, ganz obsolet ist die Pressemitteilung nicht. Sie ist „Mission Statement“, Info-Quelle und Signal, dass man aktiv kommuniziert. Ob man sie als Blogbeitrag oder Teil einer Content Engine tarnt oder ob sie über Messenger wie WeChat (wie in China üblich) verbreitet wird: die Pressemitteilung ist vor allem ein Service, damit Journalisten nicht für jede Kleinigkeit anrufen müssen.

Sonja SchaubSonja Schaub,
Pressesprecherin Hirschen Group

Ich hatten die Pressemeldung nach wie vor für dasBasistool von Pressearbeit. Warum: Sie ist ein Push-Medium, das genau die Person adressiert, die ich erreichen möchte. Mich darauf zu verlassen, dass diejenigen Journalisten, die für mich interessant sind, täglich meine Social Media Kanäle checken oder ihre Suchtools so eingestellt haben, dass sie mich finden, ist mir zu unsicher. Eine Meldung nur Online zu posten und darauf zu verweisen, ist mir aus demselben Grund zu reduziert. Es ist eine Ergänzung zur Aussendung. Und last: Ich hab genau den Umfang, den ich brauche. Keine Limitierung auf Headlines oder Zeichen. Während Pressemeldung gezielt einzelne Informationen verbreiten, ist Social Media für mich ein Tool, Kultur zu transportieren. Sie bildet das Grundrauschen, um Sympathie und Interesse zu wecken.

Johannes WinterJohannes Winter,
Head of Communications Condor

Wir sehen wie digitale Prozesse Geschäftsmodelle verändern und die Karten neu mischen. Wir bestellen Taxis über mytaxi, wir gehen nicht mehr zu Kaufhof, sondern shoppen auf amazon, wir kaufen keine CDs, sondern streamen. Nachrichten konsumieren wir online genauso wie Bücher, die wir auf den kindle laden. Auch an der PR geht diese Entwicklung nicht vorbei und zahlreiche neue Chancen öffnen sich. Kommunikation wird schneller und angepasster an die Zielgruppe. Corporate Publishing erhält einen noch viel größeren Stellenwert. PR wird messbarer. Der Stil und Aufbau, der eine gute Pressemitteilung kennzeichnet, wird zur Vermittlung von Daten und Fakten immer notwendig bleiben. Auf Basis einer Pressemitteilung können die verschiedenen Kanäle – passend zur Zielgruppe – bespielt werden.